Huancayo

Winter in den Bergen (03./04.11.2012)

Nach einer kurzen Nacht standen wir um 6 Uhr in Huancayo und fuhren direkt zum Haus von Astrids Tante. Glücklicherweise war ein Teil von Astrids Familie gerade auch für das Wochenende in ihr Haus nach Huancayo gereist, so dass wir uns kein Hotel suchen mussten. Für mich war es das erste Mal in einem richtigen peruanischen Haus bei einer peruanischen Familie. Als die Tür aufging, wurden wir direkt in dickem Wintermantel und –schuhen empfangen. Schon der Taxifahrer in Lima (ich bin das erste Mal allein in Lima Taxi gefahren, inklusive vorgetäuschtem Anruf, dass ich gleich da sein werde) meinte, dass es in den Bergen sehr kalt ist, weil dort inzwischen Winter herrscht, während in Lima neuerdings jeden Tag die Sonne scheint.
Auch die Anderen hatten Jacken und Schuhe angelassen und das Haus war voll. Es wurde erst einmal gefrühstückt und geredet. Viele wussten gar nicht, dass Astrid für ein Jahr in Deutschland und die Mädchen, die noch in die Schule gingen, bekamen bei ihren Erzählungen richtig Lust auch nach Europa zu gehen, wobei vor allem auch die Eltern einen großen Teil dazu beitrugen. Astrids Tante meinte zum Beispiel zu ihrer Tochter, dass sie sich an der richtigen Uni bewerben soll, eine die auch viele Austauschmöglichkeiten anbietet und sich dann eben auch für eine Sprache entscheiden muss. Ich meinte, dass sie, wenn ihre Motivation nicht so hoch ist, eine Sprache zu lernen, sich eher für Französisch als für Deutsch entscheiden sollte. Französisch ist für spanische Muttersprachler ungefähr so schwer wie Englisch. Viele Wörter sind einfach sehr ähnlich! Nur der Vorteil in Deutschland wäre, dass man eben auch mit Englisch über die Runden kommt. Alle waren mal wieder erstaunt, dass ich auch Englisch sprechen kann. Astrid meinte dann gleich, dass alle in Deutschland Englisch sprechen und ich meinte auch, dass das heutzutage schon Pflicht ist, wenn man sich an Universitäten bewirbt. Dass wir Kurse auf Englisch haben, ist eben auch völlig ungewöhnlich für die Peruaner. In Europa ist eben alles kleiner, alles näher, viele Menschen sprechen unterschiedliche Sprachen und da bleibt eben nur Englisch als Kommunikationsmöglichkeit. Für Astrids Tanten wurden Deutsche damit gleich als bilingual bezeichnet. So habe ich das ja noch gar nicht betrachtet. Dank ihrer Mutter, war das eine Mädchen dann auch super interessiert und fragte, ob es denn auch sicherer wäre als in Europa. Da konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen und Astrid meinte auch gleich, dass es deutlich sicherer ist. Ich habe dann noch erzählt, dass es für eine Frau relativ ungefährlich ist, nachts draußen rumzulaufen. Astrid meinte, sie konnte das am Anfang gar nicht glauben, als man ihr das das erste Mal in Lüneburg gesagt hat. In Südamerika kannst du das vergessen! Alleine als Frau draußen rumzulaufen, ist tagsüber schon abhängig von der Gegend relativ gefährlich, aber nachts, unmöglich! Dementsprechend auch schwer nachvollziehbar, wie es ist, wenn man die Sicherheit hat. Für mich ist es einfach eine riesige Freiheit, die ich ungemein vermisse!
Nach drei Stunden Frühstück war ich immer noch super müde, weil ich die Woche davor dank Magen-Darm-Infekt die ganze Zeit im Bett oder auf Toilette verbrachte, dementsprechend viel geschlafen habe und mich immer noch relativ schwach fühlte. Wir packten aber auf Grund des Wetters trotzdem alles zusammen und machten uns auf den Weg nach Torre Torre. Erst liefen wir eine Weile, aber ziemlich schnell entschieden wir uns dann doch, den Rest des Weges mit Micro zu fahren. Dort angekommen gab es unglaublich atemberaubende Felsformationen, es wirkte ein wenig wie im wilden Westen. Von dort ging es wieder runter in die Stadt, um erst einmal ruhig Mittag zu essen. Nur um danach noch entspannter mit Taxi zum Parque de la Identitad zu fahren. Peruaner nehmen im Gegensatz zu uns, ständig Taxis, egal wohin sie müssen, wenn es eben keine Micros gibt. Dieser Park stellt in abstrakter Form die Kultur der Stadt und der Umgebung dar. Es war nach einem Regenguss super schön. Es gab eine Ecke nur für Kinder bis 10 Jahren, Erwachsene durften dort nicht hin. Auch immer wieder ein tolles Gefühl für die Kleinen.
Da wir uns danach kaum noch auf den Beinen halten konnten, ging es direkt ins Bett.

Am nächsten Morgen mussten wir schon um 6 Uhr hoch, weil wir eine Tour zum Gletscher machen wollten. Eine von Astrids Tanten hörte uns und machte uns extra so früh Frühstück, das war super lieb! Für mich gab es Cocatee für die Höhe. Zu viert ging es dann im Taxi los, ein 70-jähriger, seine Enkelin, Astrid und ich. Wir fuhren auf 4800m bis zu einer Hütte. Auf dem Weg dorthin mussten wir Schaf- und Alpakaherden aus dem Weg hupen und sind an vielen Frauen mit traditioneller Kleidung vorbei gefahren. Generell tragen hier wirklich fast alle Frauen diese weiten, bunten Kleider, selbst wenn sie nur im Hinterhof ihre Hühner umher scheuchen. Ja, habe ich alles geheim aus dem Haus beobachtet, als ich mal wieder darauf gewartet habe, bis sich gewisse Peruaner die Haare gekämmt, ihre Sachen geräumt und genug Nachrichten auf dem Handy geschrieben haben. Gibt mir viel Zeit meine Umgebung zu beobachten, also eigentlich nichts Verwerfliches und geschafft haben wir eh alles, was wir sehen wollten. Nur wie das im Job dann funktioniert, ist für mich fragwürdig, also es wird halt einfach viel weniger geschafft als in Deutschland, dafür ist wie gesagt das Burn-Out Problem auch völlig unbekannt. Deshalb frage ich mich, warum alle immer von einem Leben in Europa träumen. Das Arbeitspensum dort ist ein ganz anderes, es muss eben auch etwas geleistet werden, wenn man etwas erreichen möchte. Das Leben lebt sich so wie hier aber eben einfacher und entspannter. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Schickt die Leute nicht in eine Klinik, schickt sie nach Südamerika und lasst sie dort eine Weile arbeiten, dort lernt man den entspannten Stil kennen. Bloß wirklich umsetzen kann man das in Europa auch nicht. Aber ich selbst bin auch schon oft genug in den Genuss gekommen, dass man hier einfach alles viel entspannter sieht. Zum Beispiel ist es damit auch weniger das Problem Sachen umzubuchen, man muss eben nur wissen, wie man die Mails formuliert, und dann geht das meist ganz leicht. Generell sind Regeln hier eher Richtlinien, an die man sich hält, wenn es eben passt und wenn nicht, werden diese passend gemacht. In dem Sinne ist eben doch viel möglich, weil einfach nicht alles so starr ist, wie in Deutschland.
Wir sind dann also ab 4.800m losgelaufen. In drei Stunden ging es dann auf 5200m, erneut mit viel Atemnot. Viel gesehen haben wir leider auch nicht, auf Grund des starken Nebels. Immer wieder zwischendurch konnte man jedoch einen Blick auf türkise Lagunen oder auf den von der Sonne reflektierenden Gletscher erhaschen. Als wir dann ankamen, waren Astrid und ich super fertig und machten ein paar Fotos, während die anderen verzweifelt versuchten, auf den Gletscher raufzukommen. Ich meinte dann aber, dass mir das zu gefährlich ist, weil unser Guide, der gleichzeitig eben auch unser Taxifahrer war, null vorbereitet war. Er wusste nicht, wo wir wirklich auf den Gletscher raufkommen und dann hatte er nur ein Seil mit, nichts weiter. Dementsprechend stiegen wir dann einfach wieder ab, als es anfing zu schneien. Meine Hände waren auf 5.200m Höhe schon leicht taub von der Kälte und der Schnee wandelte sich schnell in Regen. Nach 2h Abstieg, zweimal den falschen Weg einschlagen, weil man durch den Nebel nichts mehr richtig sah, kamen wir total fertig beim Auto an. Es waren auch Familien ohne Führer unterwegs, keine Ahnung, wie und ob sie den Weg wieder runter gefunden haben. Astrid hatte sich auf dem rutschigen Weg sicher 8 Mal hingelegt, alles war durchnässt und bei der Kälte konnte ich kaum richtig laufen, so stark habe ich gezittert. In der ebenfalls kalten Hütte gab es einen Tee, der mich soweit wärmte, dass ich die Kopfschmerzen merkte, die durch die Höhe entstanden.
Wenn die Peruaner auch keine Heizung in Wohnungen kennen, so doch zumindest in ihren Autos. Eine Stunde Abfahrt bei Regen und Nebel waren dann selbst bei aufgedrehter Heizung super unangenehm. Unten angekommen war mir speiübel von den Kopfschmerzen und noch immer kalt. Unser Führer fuhr uns dann direkt vor die Haustür, wobei wir noch ein Telefonat belauschen durften, in dem er 5 Soles mehr verlangte, wegen des Wetters.
Glücklicherweise war die Tür von unserer Unterkunft gleich offen, weil sich einige draußen versammelt hatten. Und egal wie kalt es einem ist, trotzdem wird sich erst einmal bei allen mit Küsschen auf die Wange begrüßt. Danach ging es aber schnell rein, leider nicht ins Warme. Das ließ mich ja so verzweifeln. Kennen Peruaner das Gefühl wirklich zu Hause zu sein? Sicher kennen sie es, aber es muss sich komplett anders anfühlen. Denn bei ihnen geht es eben darum, endlich bei der Familie zu sein, bei uns ist es doch vor allem das Gefühl, endlich in einer warmen Wohnung zu sein, die Heizung schon am laufen und sicherlich auch die Familie, die auf einen wartet. Nur kann man sich wirklich heimisch fühlen, wenn man die ganze Zeit in dicker Winterjacke und mit Straßenschuhen durch das eigene Haus schlurft?
Glücklicherweise gab es lauwarmes Wasser zum Duschen und nachdem ich erklärt habe, was passiert war, während Astrid tatsächlich in fünf Minuten duschte und sich die Haare wusch, kamen alle mit Decken an und uns wurde warmer Cocatee serviert. Nach einer Kopfschmerztablette und ein wenig Entspannen auf der Couch, ging es uns schon wieder besser. Später kamen dann noch einmal neue Leute zu Besuch. Einer war sehr interessiert an der deutschen Kultur und Geschichte und tatsächlich war es das erste Mal, dass ich in Peru über Hitler und die Einstellung der Europäer zu dem Thema sprach. Das war echt interessant! Ich habe Astrid auch erzählt, dass ich erst vor einer Woche im Norden von Peru einen Zug gesehen habe, in den die Leute sich reingestellt hatten und wo dann auch die Türen ohne Fenster zugeschmissen wurden, genauso wie man es aus jedem Film auf dem 3. Reich kennt, der Abtransport ins KZ. Hier waren es sicher nur die billigen Stehplätze, aber ein gutes Gefühl das in Echt zu sehen, war das nicht, weil es eben einfach mit schlimmen Bildern verbunden ist.

Da unsere Sachen komplett durchnässt waren, hatten wir ein kleines aber feines Problem, immerhin sollte unser Bus nach Lima um 11 Uhr abfahren. Wieder in die nassen Sachen war unmöglich! Also zogen wir uns unsere Schlafanzüge an. Ich ging in Hemd, Leggins, Ballerinas mit roten Hello-Kitty-Socken, einem viel zu kurzen Pulli von Astrid, Schal und der glücklicherweise inzwischen trockenem Jacke, während Astrid den Vogel abschoss. Sie hatte zwar noch eine trockene Jeans, musste aber in ihren Schlafzeugoberteil mit einem süßen Bären drauf und roten Flip Flops mit Socken losgehen. Da es immer noch regnete, wechselte sie kurz vor dem Rausgehen noch ihre Flip Flops gegen viel zu kleine, hochhackige Schuhe von ihrer Tante und bekam von ihrem Onkel noch einen grünen Hut aufgesetzt. Damit fuhr uns ein Taxi dann in ein relativ edles chinesisches Restaurant, in dem uns die Kellner dann erstmal allesamt auslachten, aber wir hatten auch unseren Spaß. Da lacht uns doch tatsächlich ein Chinese mit dem Namen Elvis aus, also wirklich! 😉
Im Bus ging es dann endlich wieder ins sonnige Lima. Dass ich das mal sagen würde, hätte ich ja auch nie gedacht.

Kategorien: Huancayo, Peru | Hinterlasse einen Kommentar

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