Arequipa

Die Perle im Süden – Arequipa (10.-12.11.2012)

Das letzte Mal weg aus Lima, bevor es endgültig nach Ecuador geht, und ich bin irgendwie froh, dass ich mir demnächst die langen Busfahrten ersparen kann. Nach 16h Nachtfahrt sind wir in Arequipa sicher angekommen. Die Strecke zählt zu einen der gefährlichsten in Peru, erst vor 2 Wochen wurde ein Bus überfallen. Aus diesem Grund hatte ich kurz vor der Abfahrt noch schnell ein Fake-portemonnaie erstellt und meine Tasche mit den Kameras weit unter den Sitz geschoben, aber es ging ja alles gut.
Mir wurde ja schon davor von Arequipa vorgeschwärmt und die Stadt kann sich tatsächlich sehen lassen. Die Peruaner bewundern ihre Sauberkeit, ich vor allem die Architektur, die Bildung der Menschen dort und einfach insgesamt das Flair. Das ganze Jahr über scheint wohl die Sonne und es sind angenehme 25 Grad, da lässt es sich leben. Man hatte einfach das erste Mal das Gefühl in einer Stadt zu sein, die völlig unabhängig von Lima agiert, begrüßt wurde man auch gleich mit dem stadteigenen Bier – Arequipeña. In der Stadt hörte man alle möglichen Sprachen, man war eben in einer Touristenstadt, dementsprechend war es auch das erste Mal für mich, dass die Peruaner tatsächlich direkt versuchten Englisch mit mir zu sprechen und umso überraschter waren, wenn sie merkten, dass wir auch Spanisch verstehen. Durch die Touristen gab es in der Stadt auch die Möglichkeit Essen aus allen möglichen Ländern zu bekommen, das erste Mal mexikanisches Essen gesichtet. Dann habe ich den ersten Peruaner getroffen, der mehr oder weniger vier Sprachen beherrschte, das war schon ein kleines Wunder.
Angekommen in Arequipa quälten wir uns im Taxi durch die überfüllte Stadt, dort wo viele Touristen sind, sind die Taxis auch immer am gefährlichsten, aber wir hatten mal wieder Glück. Im Hostel nur schnell Zähne geputzt und los ging es, zuerst in ein altes Herrenhaus, was inzwischen eine Bank beherbergt. Danach weiter in eine Klosterstadt. Dort wurden wir gefragt, ob wir einen deutschen Führer haben wollen, und tatsächlich kam uns eine Peruanerin entgegen, die perfekt Deutsch sprach mit leichtem Akzent. Sowas haut hier einfach immer wieder um!
Die Klosterstadt war riesig, wurde erst in den 1990ern für Besucher freigegeben und bis heute leben dort noch Nonnen. Es wirkte alles unglaublich mediterran. Die Wände sind in rot und blau gehalten und überall Blumen. Man fühlte sich so fern ab von Lima und sogar von Peru. Nachdem wir uns dann gefühlte 10 Zimmer und 15 Küchen angeguckt hatten, genossen wir noch die Aussicht auf die fernen schneebedeckten Berge und gingen dann weiter zum mit Palmen gesäumten zentralen Platz. Die Atmosphäre dort war so unglaublich lebendig, überall Tauben, plätschernde Brunnen, wahnsinnig viele Menschen, tobende Kinder und einige Touristen. Nach dem ganzen Trubel beschlossen Teresa, eine andere Deutsche, die ein ganzes Jahr in Lima studiert, und ich die peruanischeren Ecken Arequipas zu erkunden, die im Reiseführer als gefährlich eingetragen waren. Als wir dort durchliefen, fühlten wir uns sicherer als in den sichersten Ecken in Lima, aber vermutlich war es gefährlich für die Verhältnisse in Arequipa.
Wieder im touristischen Bezirk gingen wir in ein Museum, in dem die Mumie Juanita ausgestellt wurde. Dort durfte man keine Kameras mit reinnehmen und die Räume waren unglaublich kühl, damit die ausgestellten Gegenstände gut erhalten bleiben. Juanita wurde zwischen 1440 und 1450 auf einem Berg in der Nähe Arequipas ermordet. Sie war ein Inkamädchen und wurde nach einem Fußmarsch von über 500km den Berggöttern geopfert. Die Inka glaubten, dass für die Naturgewalten, wie der Niño (Überflutung im Norden Perus), starke Unwetter etc., als Besänftigung der Götter ein Menschenleben geopfert werden musste. Nur muss man bedenken, dass es darum ging, dass dieses Opfer dann als Repräsentant für die gesamten Inka stand und diese in ihrem Leben nach dem Tod Stolz machen sollten. So war es eben auch, dass es eine große Ehre für die Familie war, wenn ihr Kind eine Opfergabe wurde. Entdeckt wurde die Mumie erst 1995 von einem amerikanischen Archäologen, so wie fast alles in Peru in den 90ern entdeckt wurde. Das besondere ist, dass die Mumie komplett eingefroren war und somit die Zähne, Haare, Fingernägel und Organe noch komplett erhalten waren. Wir haben sie dann auch betrachten können, eingesperrt in einen Glascontainer mit zwei Schichten, eine um die Feuchtigkeit rauszuhalten und die andere um die -20°C drinnen zu lassen. War ich sehr dankbar für! Das erinnert ja an deutschen Winter, wer will das schon! Naja auf jeden Fall eins der besten Museen, in denen ich bis jetzt in Peru war. Achso Juanita ist nicht erfroren, obwohl sie nach der 500km Wanderung in Sandalen sicherlich ziemlich am zittern war, sondern wurde mit einem kräftigen Schlag auf den Hinterkopf getötet, so dass ihr Gehirn komplett auf eine Hälfte rutschte, naja damit war es dann auch ziemlich schnell vorbei für sie. Für die Amerikaner unter uns wurde dann noch erzählt, dass sie nicht leiden musste – das klassische Happy End, für die Europäer wurde ergänzt, dass man das hofft und leider noch nicht alles erforscht hat.

2 Uhr klingelte am nächsten Morgen der Wecker. Es ging in den Cañon de Colca. Nach nur einer Nacht mussten wir uns schon wieder aus dem Hostel verabschieden, alle Sachen packen und wurden dann um 3:45 (vereinbart war um 3 Uhr, als eine andere Gruppe um 3:15 Uhr abgeholt wurde und Teresa fragte, wo unser Bus bliebe, meinte der Fahrer, dass das ja noch viel zu früh wäre).
Im Bus schliefen alle, nach 3h gab es erst einmal Frühstück. Dort machten wir uns dann auch mit unseren zwei Mitreisenden bekannt, zwei Engländer. Schwierige Sprache sage ich euch! Verstehen tue ich ja noch alles, aber inzwischen formuliere ich gewisse Sätze einfach so, wie man sie im Spanischen sagen würde und Ja-/nein-Fragen beantworte ich automatisch auf Spanisch.
Unser nächster Stop war der Mirador: Cruz del Condor, wir konnten also den Kondoren beim Fliegen zuschauen und tatsächlich waren gerade dort unglaublich viele unterwegs. Die Vögel sind typisch für Arequipa und haben eine Flügelspanne von bis zu 3m, schon ziemlich beeindruckend. Besonders dramatisch wird es mit einem Teleobjektiv, wenn das Tier auf dich zufliegt und du denkst, dass es dir gleich in die Linse springt, weil es so nah scheint, dass du nicht einmal mehr fokussieren kannst. Nun wenn du die Einzige bist, die schreit, weißt du, dass du wohl mal die Kamera runternehmen solltest. Teilweise sind uns die Vögel aber doch sehr nah gekommen.
Kurz danach begann unser Weg in den Cañon. Davor gab es noch ein paar Fakten über Peru. Unser Guide fragte uns, welcher der tiefste Cañon der Welt wäre, ich meinte der Cañon de Cotahuasi, und sie gab mir Recht, denn das steht in alles Reiseführern. Dennoch meinte sie, dass es nur der größte passierbare Cañon ist, aber da im Cañon de Colca 8km nicht betretbar sind, ist das der tiefste der Welt. Dann ging es um die verschiedenen Früchte in Peru und sie meinte, dass hier viel Tuna zu finden ist. Tuna ist eine Kaktusfrucht und daraus entsteht unglaublich leckerer (unglaublich süßer) Saft. Außerdem wird es für Make-Up und Nagellack verwendet, was sie dann gleich auf meinen Nägeln demonstrierte.
Danach ging die Wanderung los. Erst ging es ewig bergab in den Cañon hinein, dann liefen wir relativ eben durch zwei Dörfer durch, immer steil am Abhang entlang, bis es dann in ein kleines Touristenviertel mitten im Cañon ging, wo unsere Bungalows waren. Nebenan gab es einen Pool, der leider inzwischen extrem kalt war, weil die Sonne eine halbe Stunde vorher verschwunden war. Alle trauten sich rein, nur ich nicht, bis ich das Gleichgewicht verlor. Nach kurzer Zeit ging es im Wasser, nur wieder draußen zu sein, war hart! Ich hoffte auf warme Duschen und freute mich tierisch, als es sich so unglaublich warm anfühlte, erst als es über meinen Kopf lief, der nicht im eisigen Poolwasser war, merkte ich, dass das Wasser eigentlich arschkalt war.
Beim Abendessen meinte der Engländer, dass ich wohl doch noch ins Wasser wäre, meinem Schrei nach zu urteilen. Daraufhin meinte seine Freundin, dass er nie friert. Klärte sich dann auch alles schnell auf, denn er war bei der Marine und sie bei der Army. Dementsprechend auch logisch, dass die uns den Weg über ständig weggerannt sind. Ich dachte schon irgendwas läuft hier doch falsch, wieso erzählen uns die Britten, dass sie demnächst viele Wochenendausflüge machen wollen um Europa besser kennen zu lernen und sind dazu noch so sportlich, wenn dem Durchschnittsbritten sein eigenes Land und einmal Spanien alle zwei Jahre völlig genügen. Ausnahmen gibt es immer wieder.

Am nächsten Morgen ging es dann um 4:30 Uhr ohne Frühstück los, 3h Bergaufstieg bevor die Sonne aufgeht. Gute Idee, wenn man bedenkt, dass wir am Abend davor ständig Motten aus unserer Suppe fischen mussten. Aber nach kurzer Zeit musste ich gleich die erste Pause machen und mir erst einmal mit Keksen den Magen vollschlagen, um die Kraft zu haben weiter zu gehen. Tatsächlich schaffte ich es in drei Stunden den Berg hoch, die letzten 5 Minuten im strahlenden Sonnenschein, und sowohl mein letzter Keks als auch der letzte Schluck Wasser reichten gerade so bis zum Frühstück.
Nach diesem ging es dann im Bus wieder Richtung Arequipa. Zwischendurch wollten wir zum Fotos machen halten, doch leider hatte ich beim Frühstück zu viel getrunken und musste nach 10 Minuten wieder auf die Toilette. Dann wandelte sich die Straße auch noch von asphaltiert zu Buckelpiste und ich klammerte mich an Teresas Sitz fest. Es gab weit und breit keine Toilette und überall waren Touristenbusse unterwegs. In Peru ist es auch alles andere als üblich für eine Frau in der Öffentlichkeit auf Klo zu gehen. Egal wie dreckig das Plumpsklo auch ist, es wird immer lieber genommen als die Natur. Bis zum ersten Aussichtspunkt musste ich also aushalten, dann zeigte mir ein Guide einen kleinen Stein, hinter dem ich mich verstecken könnte und lachte laut. Der dachte wohl nicht daran, dass ich das tatsächlich machen würde.
Unser nächster Stopp waren Schwefelbäder und da ich einen mörderischen Muskelkater vom Wandern hatte, war das genau das Richtige. Schön bei 38°C Wassertemperatur entspannen, nach 30 Minuten denkst du dir, du kippst gleich um, wenn du aus der riesigen Badewanne kommst. Kurz danach durften wir den typischen Pisco Sour der Region probieren, nur wurde dieser anstelle von Limonensaft mit einer regionalen sauren Frucht gemacht. Der war gut! Nach einem Touristenfoto mit Lama, Hut und Vogel musste ich erst einmal schlafen, der Alkohol hatte mich leicht umgehauen bei der Hitze.
Zum Mittagessen gab es Buffet, wo wir endlich Alpaka probieren durften. Leider nicht mein Fall, weil es einfach unglaublich sehnig ist. Der Geschmack ist okay, aber Rind ist schon besser. Der nächste Stopp war ironischer weise eine Alpakafarm. Auf dem Weg nach Arequipa liefen aber auch viele frei herum, nur sind die Tiere wirklich unglaublich scheu.

Zurück in Arequipa zogen wir uns um, packten unsere Sachen um und ich putzte mir noch schnell bei McDonalds die Zähne um dann wieder in den Nachtbus Richtung Lima zu steigen. Diesmal hatten wir leider fast 2h Verspätung, weshalb ich meine Vorlesung verpasste. Also ließ ich mir von Cruz del Sur, unserer Busgesellschaft, einen Zettel ausstellen, dass wir zu spät waren. Zu Hause angekommen arbeitete ich zwei Tage durch um all das aufzuholen, was ich verpasst hatte. Immerhin fehlten mir inzwischen sechs Tests in einem meiner Fächer, dafür musste ich zwei Textanalysen durchführen. Mittwochabend hatte ich sie dann auf Englisch fertig, aber keine Zeit mehr, sie auf Spanisch zu übersetzen, also rein in den google Übersetzer und schnell alles ausgedruckt. Im Unterricht habe ich dem Prof das dann auch ehrlich erzählt, dass er wohl lieber den englischen Teil lesen sollte. Daraufhin meinte er, dass sich mein Castellaño deutlich verbessert hat. Die Meinung wird sich wohl ändern, wenn er meine Texte gelesen hat. Er meinte dann, was wir wegen meinen restlichen fehlenden Noten machen. Daraufhin leierte ich meine Standardantwort runter, dass ich doch nur ein Semester hier wäre und das aus eigenem Interesse mache und man deshalb nicht so streng sein sollte. Er lachte nur und gab sein okay. So einfach kann es hier gehen.
Am nächsten Tag durfte ich die Erfahrung noch einmal machen. Theoretisch stand eine mündliche Prüfung an, was ich aber erst zwei Tage vorher erfahren hatte und noch nichts dazu vorbereitet hatte. Er fragte mich, was man unter Depression verstehe. Ich antwortete erst nichts und die anderen versuchten verzweifelt die Frage ins Englische zu übersetzen, bis der Professor meinte, dass mein Examen nächste Woche auf Englisch sein würde. Daraufhin meinte ich, dass mir das leider auch nicht helfen werde. Das verblüffte ihn und meine Erklärung begann: Ich studiere Wirtschaftspsychologie und hatte noch nie klinische, dementsprechend fehlt mir jegliches Vorwissen über Psychosen etc. Schon im Zwischenexamen kamen Fragen dran, die ich gar nicht beantworten konnte, weil ich so etwas noch nicht gehabt hatte. Mit dem Wissen, was ich mal gehört hatte, habe ich zumindest bestanden und besser abgeschnitten als einige meiner Freunde hier, aber das macht mich doch noch lange nicht glücklich. Daraufhin durfte ich dem Prof erzählen, welche Module wir in Deutschland machen und wie unterschiedlich doch unser Verständnis von Universität ist. In Deutschland studiert man, weil es einem Spaß macht, man macht es freiwillig, hier machen die Studenten nur das Nötigste und eben auch nur, weil sie dann bessere Berufschancen haben. Beide Seiten sind allgemein formuliert, natürlich findet man auch Ausnahmen. Bloß aus diesem Grund vergreifen wir uns als Deutsche auch ständig in der Wortwahl und sagen, wie gehen zur „Schule“ bzw. die „Schüler“ müssen anwesend sein, weil es eben ein Schritt zurück in die Schulzeit ist.
Nach dem Gespräch hatte der Prof seine Frage über die Depression vergessen und versprach mein finales Examen auf meine Kenntnisse und auf die Folien zu beschränken.

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